Freitags-Predigt vom 19.10.2018

Die erste Generation in Europa und die Treue zum ‎Versprechen

Verehrte Muslime!‎

Das Leben in der Welt, das mit Adam (s) begann, ‎wurde schon immer als ein Kampf für den ‎Lebensunterhalt fortgeführt. Naturereignisse, ‎wirtschaftliche, soziale und politische Gründe ‎bewegen einzelne Menschen oder auch Gruppen von ‎Menschen zur temporären oder permanenten ‎Auswanderung aus dem Lebensumfeld in fremde ‎Gebiete. Zu einer solchen Auswanderung gehört auch ‎die Auswanderung aus Anlass der ‎Anwerbeabkommen in den 1960’er Jahren, bei dem ‎junge Menschen aus Anatolien ihre Reise am ‎Bahnhof in Istanbul (Sirkeci) begannen und als ‎Gastarbeiter in Richtung Europa aufbrachen. ‎Meistens von Kapellen empfangen, hat diese ‎Generation versucht, an den Orten, zu denen sie ‎gebracht wurde, ihr Leben in Pensionen, Camps oder ‎in Einzelzimmern auf Kojen zu verbringen. Ihre ‎Arbeitsverhältnisse waren genauso schwer und hart ‎wie auch ihre Wohnverhältnisse waren.‎

Von der Familienzusammenführung, über Fragen der ‎Wohnverhältnisse, von der Bildung der Kinder bis ‎hin zu Sprachproblemen ebneten die Strapazen, die ‎diese Generation erlebte, den Weg für die zweite und ‎dritte Generation. Das eigentliche Ziel der ‎Auswanderung von allen war es, ein paar Jahre zu ‎arbeiten um sich einen Traktor, ein Haus oder ein ‎Feld leisten zu können und dann wieder zurück in ‎die Heimat zu kehren. Aber das ist nicht passiert. ‎Auch wenn die meisten von ihnen in den Ländern, in ‎die sie ausgewandert waren, bleiben mussten, haben ‎sie trotzdem – basierend auf der ihnen von Allah ‎gegebenen natürlichen Liebe zu ihrem Land – ihre ‎Heimatliebe nie aufgegeben. Schließlich verspürt ‎jeder Mensch eine besondere Liebe und ein ‎besonderes Interesse für den Ort, an dem er geboren ‎und aufgewachsen ist, den größten Teil seines ‎Lebens gelebt, die meisten Erinnerungen erlebt, die ‎Geschichte und die Kultur mitgestaltet hat sowie ‎seine Vorfahren und Verwandten leben. Wenn sich ‎der Mensch von diesem Ort wegbewegt, wird er ‎diesen vermissen und wieder dorthin zurück wollen. ‎So hat auch der Gesandte Allahs (s) seine Liebe ‎gegenüber der Stadt Mekka, in der er geboren und ‎aufgewachsen ist, wie folgt ausgedrückt: „Oh ‎Mekka! Bei Allah! Du bist das beste Erdstück ‎Allahs und unter den Gaben Allahs dasjenige ‎Erdstück, das ich am meisten liebe. Bei Allah! ‎Wenn ich aus dir nicht vertrieben worden wäre, ‎hätte ich dich nicht verlassen.“1‎

Verehrte Geschwister!‎

Genau wie heutzutage haben Muslime in der ‎Vergangenheit mit Angehörigen anderer Religionen ‎an einem Ort in Frieden gelebt und hinsichtlich dieses ‎Zusammenlebens viele gute Vorbilder ‎hervorgebracht. Die erste Generation, die nach ‎Europa auswanderte, arbeitete Tag und Nacht für die ‎Folgegenerationen, indem sie sich -vielmals auch ‎ohne die erforderlichen Sprachkenntnisse zu haben – ‎organisierten um Vereine und Stiftungen zu gründen ‎und Moscheen zu eröffnen. Sie nahmen ihren Platz ‎in der Wirtschaft ein, indem sie eigene Firmen ‎gründeten. Durch die Ermöglichung des Genusses ‎einer guten Bildung von ihren Kindern haben sie es ‎geschafft, dass ihre Kinder in den Bereichen wie ‎Bildung und Gesundheit und Politik tätig wurden. ‎Der erhabene Allah sagt im Koran: „Die sich ‎Bekehrenden, die (Allah) Dienenden, die ‎Lobpreisenden, die Fastenden, die sich Beugenden, ‎die sich Niederwerfenden, die das Rechte ‎Gebietenden und das Unrechte Verbietenden, die ‎Allahs Gebote Beobachtenden … und Heil verkünde ‎den Gläubigen.“2 und deutet auf eine bewusste und ‎sinnvolle Auswanderung, die sowohl für den ‎Auswandernden, als auch für die Menschen der ‎Region, in die sie auswandern, eine positive ‎wirtschaftliche und ideelle Auswirkung haben kann ‎und lobt damit Auswandernde.‎

Verehrte Geschwister!‎

Man kann der ersten Generation die nach Europa ‎gekommen ist nicht genug danken. Wir sind es ihnen ‎schuldig zu zeigen, dass wir ihren Einsatz nicht ‎vergessen haben und sie stets in Ehren halten. Der ‎Prophet (s) sagte, dass „die Person, der mit einem ‎Gefallen geholfen wird, sollte diesen erwidern wenn ‎er kann. Sollte das nicht möglich sein, sollte die ‎Person diese Person loben. Denn wer (eine gute ‎Tat) lobt, zollt die geschuldete Dankbarkeit. Wer ‎aber eine gute Tat versteckt, ist undankbar…“3 ‎und hebt damit hervor, dass das Erwidern einer guten ‎Tat auf die gleiche Weise oder zumindest die ‎Erwähnung der Tat, eine Art des Ausdrucks der ‎eigenen Dankbarkeit sind.‎

Aus diesem Anlass möchten wir unseren Älteren, die ‎den folgenden Generationen diese Chancen ‎ermöglicht haben, danken, indem wir den ‎Verstorbenen die Barmherzigkeit Allahs und den ‎Lebenden Gesundheit und Wohlergehen wünschen, ‎mit der Hoffnung, dass die folgenden Generationen ‎ihrem Land und dem Volk Wohl bringen werden. ‎Meine Predigt möchte ich mit dem folgenden Hadis ‎unseres Propheten (s) beenden: „Derjenige, der den ‎Menschen nicht dankt, dankt auch Allah nicht.“4

Die DITIB-Predigtkommission

1 at-Tirmidhi, Manaqib, 68‎
2 Koran, at-Tauba, 9/112
3 at-Tirmidhi, Birr ve Sila, 87‎
4 at-Tirmidhi Birr ve Sila, 35‎‎

Quelle: DITIB Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.,  www.ditib.de

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