Freitags-Predigt vom 29.06.2018

Verwandtschaftspflege ‎(Silatu’r-Rahim)‎ ist eine göttliche Verbindung ‎

Meine verehrten Geschwister!‎

Unser Prophet (s) hat am Anfang des siebten ‎Jahres der Auswanderung den jeweiligen ‎benachbarten ‎Herrschern – unter ihnen auch ‎dem byzantinischen Kaiser – einen Brief ‎geschrieben und sie in die ‎islamische ‎Religion eingeladen. Als der byzantinische ‎Kaiser den Brief unseres Propheten ‎empfing, ‎wünschte er sich zum Thema zu informieren ‎und ordnete an, “jeden aus Mekka ‎Kommenden, der ‎zu finden ist, zu sich ‎herbeizuholen.” An diesen Tagen befanden ‎sich Abu Sufyan und seine Freunde auf ‎der ‎Reise nach Damaskus auf Rast in Gazza. Sie ‎wurden seitens der Bediensteten von dem in ‎Jerusalem ‎befindlichen Kaiser Herakleios ‎vorgeführt. Zuerst stellte der byzantinische ‎Kaiser Herakleios mehrere ‎Fragen über die ‎Familie des Propheten, über sein Leben, ‎über seinen Charakter und zur Situation ‎seiner ‎Gläubigen. Dann fragte er den bis ‎dahin noch nicht zum Islam Bekennenden ‎Abu Sufyan: „Was gebietet ‎euch ‎Muhammed?“ Er entgegnete dem Kaiser: ‎‎„Muhammed gebietet uns zu beten, ‎aufrichtig und keusch ‎zu sein sowie die ‎Verwandten zu besuchen.“‎1

Verehrte Muslime!‎

Es ist eine Wahrheit, dass Allah die ‎Menschen, die Er auf schönste Weise ‎geschaffen hat, nicht herren- und zwecklos ‎auf diese Welt gesandt hat. Als Folge dieser ‎Wahrheit trägt der Mensch Verantwortung ‎sowohl gegenüber seinem Schöpfer als auch ‎gegenüber sich selbst, wie auch gegenüber ‎seinen nahen und entfernten Verwandten. ‎Eine der grundlegenden Verantwortungen ‎des Menschen gegenüber seinem Umfeld ist ‎ohne Zweifel auch die ‎Verwandtschaftspflege (Silatu’r-Rahim). Die ‎Verwandtschaftspflege (Silatu’r-Rahim) wird ‎von den islamischen Gelehrten wie folgt ‎definiert: „Verwandtschaft entsteht durch ‎Blut-/Familienzugehörigkeit und ‎Eheschließung. Die Verwandtschaftspflege ‎wird verwirklicht durch Aufrechterhaltung ‎der Beziehungen mit den Verwandten, ‎durch Fortführung der Beziehung mit der ‎Verwandtschaft, durch das Sorgen um sie, ‎durch Hilfsleistung für sie und durch ‎Besuch von ihnen.“ ‎Die Gelehrten sehen die ‎Verwandtschaftspflege wie das Pflichtgebet ‎und das Fasten als obligatorisch an. Die ‎Unterlassung der Verwandtenpflege ‎hingegen wird ihrerseits als verboten ‎‎(Haram) gewertet.‎

Verehrte Gläubige!‎

Silatu’r-Rahim, das heißt ‎Verwandtschaftspflege, ist eine der ‎wichtigsten Werte unseres Glaubens, der sich ‎auf unser soziales Leben wiederspiegelt. In ‎einem edlen Vers sagt Allah, der Erhabene: ‎‎“Und dient Allah und setzt ihm nichts an die ‎Seite; und seid gut gegen die Eltern, die ‎Verwandten, die Waisen, die Armen, den ‎Nachbarn, sei er verwandt oder aus der ‎Fremde, gegen den vertrauten Freund, den ‎Sohn des Weges und den Besitz eurer ‎Rechte. Allah liebt den Hochmütigen, den ‎Prahler nicht.”2 Und unser Prophet sagte in ‎einem Hadis: “Wer an Allah und den ‎Jüngsten Tag glaubt, soll die ‎Verwandtschaftsbeziehung pflegen.”3

Verehrte Muslime!‎

Die Moderne lässt den Menschen ‎vereinsamen. Zu meinem Bedauern muss ich ‎feststellen, dass die Menschen vermehrt in ‎sozialen Medien und in der virtuellen Welt ‎nach Glück, Freundschaft und Kollegialität ‎suchen. Wer jedoch Silatu’r-Rahim ‎durchführt, das heißt die ‎Verwandtenbeziehungen pflegt, sich um ‎seine Freunde, Kollegen und Nachbarn ‎sorgt, führt ein glücklicheres und ‎behaglicheres Leben gegenüber denjenigen, die die Verwandtschaftsbeziehungen abbrechen. Aus diesem Grund ist es eine ‎religiöse und weltliche Pflicht, dass sich die ‎Menschen von den virtuellen und ‎künstlichen Beziehungen befreien. Wir ‎sollten versuchen, mit unseren Eltern, ‎Verwandten und Nachbarn reale ‎Beziehungen aufzubauen und ‎Verbindungen bei jeder Gelegenheit, bei Festen, in den Ferien und im Urlaub auf beste Weise zu ‎nutzen um die Verwandtschaftsbeziehungen ‎zu stärken.‎

Verehrte Muslime!‎

Kommen sie und lassen sie uns an diesen ‎Tagen, in denen die Urlaubssaison beginnt ‎und unsere Herzen sich freudig in Erregung ‎begeben, in die Heimat zu gelangen, das ‎Glück nicht in Fünf-Sterne-Hotelzimmern, ‎in Einkaufszentren oder im Internet suchen. ‎Lassen sie uns nicht vergessen, dass das ‎wahre Glück bei den Müttern, unter deren ‎Füßen das Paradies ist, und bei den Vätern ist, ‎die das mittlere Tor des Paradieses sind. ‎Lassen sie uns wenn wir in der Heimat ‎angekommen sind unsere Onkel – unsere ‎Halbväter – und die Tanten – in Position der ‎Mütter sind – vom Herzen umarmen. Lassen ‎sie uns nicht vergessen, dass die Pflege der ‎Verwandtschaftsbeziehung uns dem Paradies ‎nähern und uns von der Hölle entfernen ‎wird. Lassen sie uns wissen, dass wir sowohl ‎das weltliche als auch jenseitige Glück ‎erlangen werden; dass unsere Gaben ‎reichhaltiger werden und dass unsere ‎Belohnung – so Gott will – bereits in dieser ‎Welt seitens Allah erteilt wird.‎

Lassen sie uns zu keiner Zeit folgende ‎Warnungen Allahs aus dem Sinn verlieren: ‎‎“Ich bin der Barmherzige. Ich selbst habe ‎die Verwandtschaft geschaffen und ihr einen ‎meiner Namen verliehen. Wer sich um seine ‎Nächsten kümmert und ihr Gerecht wird, ‎dem werde Ich gütig sein. Ich breche meine ‎Barmherzigkeit und meinen Segen zu dem ‎ab, der seine Beziehung zu den Verwandten ‎abbricht.”4

Aus diesem Anlass wünsche ich von Allah, ‎dem Erhabenen, dass alle Geschwister, die ‎ihren Urlaub in der Heimat verbringen ‎werden, eine angenehme Reise haben und ‎dass sie unfallfrei, sorgenfrei, ohne Unglück ‎und ohne Heimsuchungen zu ihren Liebsten ‎hin- und wieder zurückgelangen.‎

Osman Dertli, Religionsbeauftragter
Veysel Karani Moschee, Köln

1‎ al-Bukhari, Bed’ul-Wahy, 6‎
2 Koran, an-Nisa 4/36‎
3 al-Bukhari, Adab, 85‎
4 Abu Dawud, Zakat, 45

Quelle: DITIB Türkisch-Islamische Union der Anstalt für Religion e.V.,  www.ditib.de

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