Islamische Jugendarbeit zukunftsweisend

Foto Robert Kluba, VISUM
Foto Robert Kluba, VISUM

Rund 40 Prozent von Deutschlands Muslimen, also fast zwei Millionen Menschen, sind unter 25 Jahren. Eine neue Studie hat sie unter die Lupe genommen und sieht Potenziale und viel Ehrenamt, das bisher kaum gewürdigt wird. Die Forscher plädieren für mehr Förderung.

Die islamischen Verbände stehen vor einem weitreichenden Generationswandel: In zahlreichen islamischen Verbänden gibt es den Trend, dass junge Muslime in ihren Jugendgruppen vermehrt selbstständig arbeiten und über den Horizont der Moschee herausschauen. Das ist eines der Ergebnisse der bundesweit ersten Studie zur islamischen Jugendarbeit mit dem Titel „Junge Muslime als Partner“. Dort wertete die Akademie der Diözese Rottenburg-Stuttgart mit Förderung der Robert Bosch Stiftung innerhalb von zwei Jahren rund 100 Interviews mit islamischen Jugendlichen und Experten aus. Die Studie soll eine Information etwa für Kommunen sein, wie die muslimischen Jugendverbände arbeiten, welche Themen sie aufgreifen und wo Kooperationen möglich sind.

Allen Verbänden ist gemeinsam, dass die religiöse Bildung in der islamischen Jugendarbeit oberste Priorität hat und alle sich den Dialog mit Anhängern anderer Religionen wünschen. Mit Ausnahme der Aleviten gibt es laut den Autoren der Studie, Hussein Hamdan und Hansjörg Schmid, zudem in allen untersuchten Gruppen geschlechtergetrennte Aktivitäten in der Jugendarbeit, vor allem im Bereich der religiösen Unterweisung und des Sports. Mehrfach wurde dafür eine religiöse statt eine pädagogische Begründung genannt. Außerdem zeigte die Studie, dass in den meisten Verbänden junge Frauen besonders aktiv sind – oft mehr als die jungen Männer.

In der Studie stellen die Autoren detailliert die Jugendarbeit von neun verschiedenen Verbänden vor, beispielsweise der Türkisch-Islamischen Union (Ditib). Das größte Projekt des Verbandes ist bisher „pro Dialog“, in dem zwischen 2009 und 2011 knapp 1.500 Ehrenamtliche zu Dialogbeauftragen in Moscheegemeinden ausgebildet wurden.

Auch Besonderheiten von Gruppen werden dargestellt: beispielweise die Schülerwohnheime des Verbands der Islamischen Kulturzentren (VIKZ), in denen Kinder zwischen 12 und 18 Jahren leben, schulisch begleitet und religiös unterwiesen werden. Sie werden von den Autoren kritisch gesehen: „Die Interviews vermitteln den Eindruck, dass die Jugendlichen kaum Außenkontakte haben und ihnen nur wenige Mitbestimmungsmöglichkeiten eingeräumt werden“, heißt es in der Studie. Auch herrsche eine strikte Geschlechtertrennung in den Wohnheimen.

Nicht kategorisch ausschließen
Die Autoren der Studie plädieren dafür, auch eine Zusammenarbeit mit der Islamischen Gemeinschaft Milli Görüs, die vom Verfassungsschutz als islamistisch eingestuft und daher auch beobachtet wird, nicht kategorisch auszuschließen. Durch einen Dialogprozess besonders auf Jugendebene würde der Islamischen Gemeinschaft die Möglichkeit gegeben, sich weiterzuentwickeln und sich auch kritisch mit der eigenen Vergangenheit auseinanderzusetzen.

Hansjörg Schmid, katholischer Islamfachmann und einer der Autoren betont, dass die Jugendarbeit islamischer Verbände fast ausschließlich ehrenamtlich sei. „Dieses Engagement wird von der Öffentlichkeit noch zu wenig gewürdigt.“ Allerdings benötige es für den Aufbau von professionellen Strukturen aber auch feste, bezahlte Stellen. Die Angebote der islamischen Gemeinden seien im Großen und Ganzen eine Möglichkeit für junge Muslime, nicht radikalen Islamisten wie den Salafisten zu verfallen, und daher förderungswürdig. Außerdem sei es zukunftsweisend, in islamische Jugendarbeit zu investieren: Rund 40 Prozent von Deutschlands Muslimen, also fast zwei Millionen Menschen, sind unter 25 Jahren.

In der Studie werden zudem bundesweite modellhafte Projekte der Zusammenarbeit vorgestellt, beispielsweise ein christlich-islamischer Jugendkreis im württembergischen Kirchheim unter Teck, den eine 16-jährige Muslimin gegründet hat, oder das Evangelisch-Muslimische-Mutter-Tochter-Projekt in Emsdetten, in den Mütter und Töchter ein bis zweimal im Jahr gemeinsam an einem Ausflug teilnehmen und so über die Generationen hinweg ins Gespräch kommen.

Die Studie schließt mit zwölf Handlungsempfehlungen ab. Zum Beispiel sollten Kommunen möglichst breit mit unterschiedlichen islamischen Organisationen zusammenarbeiten und auch nichtverbandlich gebundene Muslime ansprechen. Wünschenswert seien außerdem Qualifizierungsangebote für Jugendliche in trägerübergreifenden Schulungen, wodurch Begegnungen ermöglicht werden könnten. (epd)

Quelle: MIGAZIN, www.migazin.de

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